Mit Herz und Hirn barrierefrei: Wie LENADI Nachrichten für alle zugänglich macht
Was vor wenigen Jahren als improvisiertes Videoformat während des ersten Corona-Lockdowns begann, hat sich zu einem preisgekrönten Inklusionsprojekt entwickelt. Heute ist LENADI eine digitale Nachrichtenplattform, die nicht nur informiert, sondern auch verbindet – barrierearm, verständlich, aktuell. Und: mit echter Begeisterung gemacht.
Die Idee: Information ohne Hürden
„Einfach googeln? Das geht bei vielen unserer Klient*innen gar nicht“, sagt Sintje Reicheneder, Sprachtherapeutin und Expertin für Unterstützte Kommunikation. Gemeinsam mit Franz Kratzer und Lisa Daniels gründete sie 2020 das Projekt, das zunächst nur ein digitales Padlet mit leicht verständlichen Pandemie-Videos war.
„Damals ging es darum, Hygiene- und Verhaltensregeln so aufzubereiten, dass wirklich jede*r sie verstehen kann. Und wir haben gemerkt: Der Bedarf ist riesig.“ Der Erfolg gab ihnen recht. Inzwischen bietet LENADI zweimal wöchentlich kurze Nachrichtenvideos zu Themen von Weltpolitik bis Freizeit – nicht länger als 1,5 Minuten, klar gegliedert, mit Symbolen, Untertiteln und gut verständlicher Sprache.
Was ist der Enkel-Trick?“ – Redaktion hautnah
Ein besonders eindrückliches Beispiel aus dem Redaktionsalltag war das Thema Betrug am Telefon. Bei einer Redaktionssitzung fragte Manuela Mühlhammer: „Was ist eigentlich der Enkel-Trick?“ Schnell wurde klar: Viele hatten davon gehört, doch die Details waren unklar – und die Gefahr groß. Also entwickelte das LENADI-Team ein Video, das diesen Trick Schritt für Schritt erklärt – klar, verständlich und mit starken Bildern.
Im Beitrag auf lenadi.de sieht man ältere Personen, die einen Anruf erhalten. Am Telefon ist eine andere Person, die sich als Enkel, Bruder oder Schwester ausgibt und behauptet, in Schwierigkeiten zu sein. Die Person bittet sie, ihr Geld zu geben – sofort. Das Video zeigt, wie Betrüger versuchen, Vertrauen zu erschleichen – und erklärt gleichzeitig, wie man sich schützen kann: nicht in Panik geraten, keine persönlichen Informationen geben, auflegen und im Zweifel die Polizei oder Angehörige anrufen.
„Solche Themen gehen alle an – aber viele wissen nicht, wie leicht man in so eine Situation geraten kann“, sagt Birgit Rock. „Gerade Menschen mit Unterstützungsbedarf müssen klar, einfach und direkt informiert werden – und genau das macht LENADI.“ Das Video zum Enkeltrick wurde viel geteilt und besonders von Angehörigen gelobt – als echte Hilfe im Alltag.
Die Besonderheit: Ein inklusives Redaktionsteam
Das inklusive Redaktionsteam von LENADI ist so vielfältig wie seine Inhalte. Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten hier Seite an Seite – mit Neugier, Kreativität und einem gemeinsamen Ziel: Nachrichten für alle zugänglich zu machen. Rock bringt journalistische Erfahrung mit, Franz Kratzer kennt als Koordinator der Wohneinrichtungen der Lebenshilfe Freising die Bedürfnisse der Zielgruppe genau. Reicheneder sorgt mit ihrem Fachwissen für unterstützte Kommunikation für Verständlichkeit auf allen Ebenen. Stephanie Schindlbeck, Benni Diemer, Lisa Daniels, Armin Nefzger und Manuela Mühlhammer ergänzen das Team mit ihren Ideen, Fragen und Perspektiven – sei es zu politischen Themen, Alltagsfragen oder spannenden Ausflügen mit Kamera und Mikrofon. Was sie alle verbindet: der Wunsch, die Welt ein kleines Stück verständlicher zu machen.
Einen Inklusionspreis später…
Die Auszeichnung mit dem Inklusionspreis des Bezirks Oberbayern Ende des letzten Jahres ist für das LENADI-Team mehr als nur eine Anerkennung – sie ist Rückenwind und Motivation zugleich. Mit dem mit 5.000 Euro dotierten ersten Platz würdigte der Bezirk die wegweisende Arbeit eines Projekts, das konsequent auf Teilhabe setzt und zeigt, wie Information inklusiv gedacht und gemacht werden kann. Möglich wurde dieser Erfolg nicht zuletzt durch die Förderung der Aktion Mensch, die das Projekt von Anfang an unterstützt hat. Dank dieser Hilfe konnte LENADI wachsen, professioneller werden und den nächsten Schritt wagen: den Aufbau einer eigenen barrierearmen Website. Ziel ist es, digitale Nachrichtenformate zu schaffen, die auf allen Geräten gleich intuitiv funktionieren – ob mit Sprachsteuerung, Symbolunterstützung oder angepasstem Layout. Eine echte Herausforderung, aber eine, die das Redaktionsteam mit Leidenschaft angeht. „Ohne Aktion Mensch wären wir heute nicht da, wo wir stehen“, betont Reicheneder. „Und ohne neue Partner wird unser Traum einer inklusiven Nachrichtenwelt nicht Wirklichkeit werden.“
Barrierearm statt barrierefrei – ein ehrlicher Umgang
„Barrierefrei heißt: für wirklich alle nutzbar. Das schaffen wir nicht immer – aber wir geben alles, um möglichst viele mitzunehmen“, sagt Reicheneder. Deshalb spreche man lieber von „barrierearm“. Die neue Website www.lenadi.de ist genau darauf ausgelegt: Wenige Klicks, große Buttons, klare Struktur. Der Anspruch: Jede*r soll mit maximal drei Klicks zur gewünschten Nachricht gelangen. Einfach ist das nicht. Eine vollständig barrierefreie Plattform gibt es in dieser Form noch nicht – LENADI will die erste sein.
Kameras, Kulissen und Kanzlerfragen
Dass das Team mehr kann als Texte und Symbole, zeigt ein Besuch in der Allianz Arena, wo eine exklusive Reportage über den Stadionbetrieb hinter den Kulissen entstand. Auch Drehs bei der Brauerei Weihenstephan und der Kultserie „Dahoam is Dahoam“ standen bereits auf dem Programm.
„Wir fragen da, wo sich andere vielleicht nicht trauen. Und das macht unsere Reportagen besonders“, sagt Rock. Wie funktioniert eigentlich eine Zapfanlage? Warum hat der Rasen im Stadion seine eigene Heizung? Und was bedeutet es, wenn der Kanzler eine „Vertrauensfrage“ stellt? All das wird in Videos erklärt – ohne Fachjargon, ohne Barrieren, dafür mit Herz.
Interview mit Sintje Reicheneder
Frau Reicheneder, wie fühlt sich der Erfolg von LENADI an – gerade nach dem Gewinn des Inklusionspreises?
Reicheneder: Es ist einfach wunderschön. Wir haben mit so wenig angefangen – ein paar iPads, ein Padlet, ein paar einfache Videos. Und jetzt sitzen wir hier, mit einer eigenen Website, einer Redaktion, einem Preis und so vielen Ideen. Für mich ist es vor allem ein Zeichen dafür, dass Inklusion wirkt – wenn man sie wirklich will.
Was ist Ihrer Meinung nach das Besondere an LENADI?
Es ist die echte Zusammenarbeit. Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten gleichberechtigt zusammen, bringen Ideen ein, schreiben Texte, prüfen die Verständlichkeit. Und ganz ehrlich: Ich lerne in jeder Sitzung etwas dazu.
Gab es Momente, die Sie besonders berührt haben?
Oh ja. Ich erinnere mich an eine Rückmeldung aus einer Schule für Kinder mit Förderbedarf in Luxemburg. Die Lehrerin schrieb, dass ein Schüler zum ersten Mal eine politische Nachricht verstanden hat – und am nächsten Tag selbst erklärt hat, was die Ampelkoalition ist. Solche Momente sind unbezahlbar.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft von LENADI?
Unser großer Traum ist eine wirklich barrierefreie Plattform – und dass LENADI bundesweit genutzt wird. Wir möchten wachsen, noch professioneller werden, vielleicht sogar eine kleine Nachrichtensendung entwickeln. Und wir brauchen Unterstützung: finanziell, technisch, ideell. Wer mithelfen möchte, ist herzlich eingeladen!

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