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Von der WG bis zur Gastfamilie: Wie Menschen mit Behinderung in Freising ihr Zuhause finden

An einem milden Frühlingsmorgen im Garten des Hermann-Altmann-Hauses in Sünzhausen spielt Andreas mit seiner Mitbewohnerin Schach. Es riecht nach frischem Gras, ein Vogel zwitschert über ihnen. „Ich mag die Ruhe hier. Aber am liebsten ist mir, dass ich selbst entscheiden kann, was ich mache", sagt Andreas.

Zuhause ist kein Ort, sondern ein Gefühl. Reportage über das Leben und Wohnen bei der Lebenshilfe Freising

Bei der Lebenshilfe Freising bedeutet Wohnen viel mehr als ein Dach über dem Kopf. Es ist ein Raum für Individualität, für Gemeinschaft, für Entwicklung. Das Angebot reicht von stationären Einrichtungen mit Rund-um-die-Uhr-Betreuung über betreute WGs und Einzelapartments bis hin zu ambulanten Wohnformen und dem innovativen Gastfamilienmodell.

Kleinteilige Strukturen, große Wirkung

Die Einrichtungen des gemeinschaftlichen Wohnens sind bewusst kleinteilig organisiert und tief in den dörflichen und kleinstädtischen Strukturen der Region verankert. „Unsere Wohnangebote sind keine abgeschotteten Orte. Sie sind Teil der Gemeinde, Teil des alltäglichen Lebens", erklärt Christine Eberl, Leiterin des Juliane-Maier-Hauses in Moosburg.

Dort leben 27 Erwachsene in vier Wohngruppen. Viele arbeiten tagsüber in den Isar-Sempt-Werkstätten, andere genießen den Ruhestand. Besonders beliebt ist der große Garten mit Terrasse und Feuerstelle. „Abends machen wir manchmal Stockbrot am Lagerfeuer", sagt Thomas, einer der Bewohner. Die Lebenshilfe Freising gestaltet gemeinsam mit ihren Klient*innen neue Lebenswelten: „Nicht über, sondern mit den Menschen reden. Das ist unser Prinzip", sagt Marika Diemaier vom Fachdienst Wohnen.

Ein Haus mit Geschichte, ein Leben mit Zukunft

Das Juliane-Maier-Haus war das erste Wohnhaus der Lebenshilfe Freising, gegründet 1987 durch das Engagement einer Moosburger Bürgerin. Gleich nebenan steht das Anneliese-Schweinberger-Haus, ein modernes, barrierefreies Wohnhaus mit besonderem Fokus auf Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen.

Dort lebt unter anderem Maria, 64, die nach einem Unfall nicht mehr sprechen kann. Mit Hilfe von Symbolkarten und einem Sprachcomputer nimmt sie am Gemeinschaftsleben teil. „Sie hat ihre Lebensfreude nicht verloren", sagt Betreuerin Sarah. „Sie liebt Musik, und beim Sommerfest ist sie immer die Erste auf der Tanzfläche."

Wohnen mit Trainingscharakter

Im Monika-Haslberger-Haus in Freising leben 23 Menschen in eigenen abgeschlossenen Wohnungen, einige davon in sogenannten Wohntrainingsplätzen. Hier lernen die Bewohner*innen schrittweise, ihr Leben selbst zu gestalten. Petra, 29, hat das Programm vor einem Jahr begonnen. Heute kocht sie selbst, hat ihren Papierkram im Griff und träumt von einer eigenen Wohnung. „Früher dachte ich, das schaffe ich nie. Jetzt denke ich: Warum eigentlich nicht?" sagt sie lachend.

Ein Ort der Vielfalt: Wohnhaus Johannisstraße

Mitten in Freising, unweit des Stadtzentrums und am Weihenstephaner Berg gelegen, befindet sich das Wohnhaus Johannisstraße. Hier leben 26 Erwachsene zwischen 37 und 83 Jahren in drei Wohngruppen. Besonders wertvoll: Die Mischung der Generationen, die für ein lebendiges Miteinander sorgt. „Am liebsten spiele ich Karten mit den Jüngeren“, erzählt Herr M., 81 Jahre alt und seit fünf Jahren Bewohner. Während einige Bewohner*innen noch berufstätig sind, genießen andere den Ruhestand mit Tagesstrukturangeboten. Das Haus punktet mit kurzen Wegen in die Stadt, einer Terrasse mit Pergola, einem kleinen Garten und barrierefreier Ausstattung. Die Gemeinschaftsküche ist ein beliebter Treffpunkt – nicht nur zum Kochen, sondern auch zum Reden und Lachen.

So selbstständig wie möglich

Beim Betreuten Wohnen am Drosselweg steht Franz Kratzer in der Gemeinschaftsküche und plaudert mit zwei jungen Männern über das Abendessen. „Hier wohnen Leute, die selbstständig leben wollen, aber im Notfall jemanden brauchen, der da ist", erklärt der Leiter der Einrichtung, der auch als Koordinator für alle Wohnformen bei der Lebenshilfe verantwortlich zeichnet. Es gibt Einzelapartments, 2-Zimmer-Wohnungen, WGs und zwei Trainingswohnungen.

Das Modell ist flexibel: Wer nur gelegentlich Hilfe braucht, bekommt sie. Und wer mehr braucht, hat Ansprechpartner*innen direkt vor Ort. „Die Bewohner*innen entscheiden mit, wie viel Unterstützung sie möchten."

Ambulant und doch verbunden

Im Ambulant Unterstützten Wohnen leben die Menschen in ihrer eigenen Wohnung, oft mitten in Freising oder einem der umliegenden Orte. Fachkräfte besuchen sie nur stundenweise. Sie helfen bei Behördengängen, Arztbesuchen, Haushaltsorganisation oder einfach als Gesprächspersonen. „Das Schöne ist: Unsere Klient*innen leben völlig selbstbestimmt, aber nie allein gelassen", berichtet Anna Gehring vom Fachdienst Wohnen.

Ein zweites Zuhause: Wohnen in Gastfamilien

„Ich wollte immer in einer Familie leben", sagt Jonas, 32. Heute wohnt er in einer Gastfamilie in einem kleinen Ort bei Freising. Er hilft im Garten, geht mit dem Hund spazieren und besucht die Werkstatt für Menschen mit Behinderung. „Ich bin hier nicht nur Gast. Ich gehöre dazu." Beim Betreuten Wohnen in Familien leben Menschen mit Behinderung bei Einzelpersonen oder Paaren. Die Familien werden von Fachkräften der Lebenshilfe begleitet. Nach einer Probezeit wird entschieden, ob das Zusammenleben funktioniert. Die Familien erhalten ein monatliches Betreuungsgeld, und die Bewohner*innen eine neue Form der Geborgenheit.

Interview mit Franz Kratzer, Koordinator Wohnen bei der Lebenshilfe Freising

Herr Kratzer, was ist das Besondere am Wohnkonzept der Lebenshilfe Freising?

Wir denken Wohnen nicht in festen Kategorien. Wir denken es mit den Menschen zusammen. Es geht um Bedürfnisse, Träume, Ziele. Und manchmal auch um ganz einfache Fragen: Wo fühle ich mich zuhause?

Wie sehen Sie die Entwicklung in den letzten Jahren?

Die Angebote sind viel differenzierter geworden. Und das ist gut so. Ein junger Mensch mit Lernschwierigkeiten hat andere Bedürfnisse als ein Rentner mit mehrfacher Behinderung. Wir bieten für jeden etwas Passendes.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Auf unsere Flexibilität. Und auf unsere Klient*innen. Wie sie ihren Weg gehen, manchmal mit großen Schritten, manchmal kleinen. Aber immer selbstbestimmt.

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