Wo kleine Schritte große Wirkung haben – Ein Tag im Bildungszentrum Gartenstraße
„Wir wollen ein Ort der Begegnung sein“, heißt es im Leitbild des Bildungszentrums. Und das ist keine Floskel. Hier wird Inklusion nicht nur großgeschrieben – sie wird gelebt. Ob Krabbelkind, Schulkind oder Jugendliche: Im BiG begegnen sich Menschen mit unterschiedlichsten Fähigkeiten, Geschichten und Bedürfnissen – und wachsen gemeinsam.
Zwischen Stadt und Natur: ein lebendiger Lern- und Lebensort
Es ist kurz vor acht Uhr morgens, die Sonne steht schräg über dem großen Außengelände an der Gartenstraße. Die ersten Kinder trudeln ein – mit leuchtenden Gummistiefeln, bunten Rucksäcken und verschmitztem Grinsen. Ein kleiner Junge winkt der Busbegleitung zum Abschied, ein anderer rollt mit seinem Rollstuhl zielstrebig auf den Eingang zu. Ein ganz normaler Morgen – und doch ist er besonders.
Denn hier, im Bildungszentrum Gartenstraße (kurz: BiG), ist Normalität ein Begriff mit vielen Facetten. Der Name ist Programm: Bildung, Begleitung, Begegnung – auf 42 Hausnummernmetern voller Möglichkeiten.
Die Einrichtung liegt stadtnah und gleichzeitig mitten im Grünen – das ist kein Zufall. „Wir wollten bewusst einen Ort schaffen, der offen ist, der Raum gibt“, erzählt Björn Zaddach, Schulleiter des Förderzentrums. Offenheit ist hier überall spürbar: in der Architektur, im Umgang miteinander, in der Haltung des Personals.
Krippe & Kindergarten: ein sicherer Start ins Leben
Im Erdgeschoss des hellen Gebäudes herrscht fröhliches Gewusel. Die Integrative Krippe und der Heilpädagogische Kindergarten bieten den Kleinsten einen geborgenen Einstieg ins gemeinsame Lernen und Leben.
„Unsere Kinder sind neugierig, sensibel, manchmal wild, oft sehr feinfühlig“, sagt Mandy Eschke, die beide Einrichtungen leitet. In den zwei Krippengruppen werden jeweils zwölf Kinder betreut – drei davon mit heilpädagogischem Bedarf. Die Gruppen sind klein, die Betreuung intensiv. Es wird gesungen, geturnt, gebaut, geplaudert – auch mit alternativen Kommunikationsmitteln, wenn Worte mit dem Mund nicht ausreichen oder möglich sind. Die Möglichkeiten reichen von Unterstützter Kommunikation mit Tablet, Taster oder Symbolen über Gebärden bis hin zu Talkern.
Im Kindergarten stehen den vier Gruppen neun Plätze pro Gruppe zur Verfügung. „Wir arbeiten stark beziehungsorientiert“, betont Eschke. Das zeigt sich auch im Tagesablauf: strukturierte Rituale, individuelle Förderung, viel Raum für Kreativität. Ein Höhepunkt: der Snoezelenraum. Weiße Matten, leise Musik, Lichtspiele – hier finden Kinder zur Ruhe. „Ein Ort der Entspannung, besonders für Kinder mit hohem Förderbedarf“, erklärt Erzieherin Susanne liebevoll.
Im Hort: Integration, die über die Schule hinausgeht
Gegen Mittag füllt sich ein weiterer Teil des Hauses: der Integrative Hort. Für Kinder ab dem Grundschulalter geht’s hier nach Schulschluss weiter – aber anders.
In zwei Gruppen werden maximal 40 Kinder betreut. Das Team ist bunt: Erzieher*innen, Heilerziehungspfleger*innen, Hörgeschädigtenpädagog*innen, Kinderpfleger*innen und Auszubildende arbeiten Hand in Hand. Gegessen wird gemeinsam, gelacht sowieso.
„Bei uns geht es nicht nur um Hausaufgabenbetreuung“, erzählt Hortleiterin Franziska Kohoutek. „Wir sind ein sozialer Erfahrungsraum.“ Deshalb gibt es Kooperationsprojekte mit Grundschulen, Regelschulen, Therapeut*innen und Behörden. Besonders beliebt: das Ferienprogramm. 32 Tage im Jahr wird ein ganztägiges Betreuungsangebot organisiert – mit Ausflügen, Werkstätten, kreativen Projekten.
Heilpädagogische Tagesstätte: Begleitung mit Tiefe
Während auf dem Spielplatz getobt wird, findet im oberen Stockwerk gerade ein gruppenübergreifendes Projekt statt. In der Heilpädagogischen Tagesstätte (HPT) geht es um mehr als Betreuung – es geht um Entwicklung, Förderung, Perspektive.
128 Plätze gibt es hier für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im schulpflichtigen Alter, verteilt auf zwei weitere Standorte im Landkreis. Regina Maier-Oßner, die HPT-Leiterin, beschreibt ihre Einrichtung als einen Ort der ganzheitlichen und individualisierten Entwicklungsförderung.
Die Angebote sind vielfältig: Musik- und Kunsttherapie, tiergestützte Pädagogik, heilpädagogische und psychologische Einzel- und Gruppenangebote, themenbezogene Projekte und Unterstützte Kommunikation (UK). „Wir versuchen, jedes Kind dort abzuholen, wo es steht – und mit ihm gemeinsam Schritte nach vorne zu gehen“, sagt Maier-Oßner.
Ein ganz besonderes Highlight: der Außenstandort am Naturgarten Schönegge bei Nandlstadt. Hier findet nicht nur Unterricht im Grünen statt – auch Praktika, Praxistage und lebenspraktisches Lernen gehören zum Programm.
Das Förderzentrum: Lernen fürs Leben
Der schulische Teil des BiG ist das Private Förderzentrum mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, geleitet von Björn Zaddach. Es umfasst Grund-, Mittel- und Berufsschulstufe – und arbeitet nach dem Lehrplan Plus, individuell angepasst.
„Unsere Schüler*innen lernen, was sie wirklich für ihr Leben brauchen“, so Zaddach. Lesen, Schreiben, Rechnen – ja. Aber auch: Wäsche waschen, Bus fahren, kochen, Verantwortung übernehmen. Schließlich geht es um ein möglichst selbstbestimmtes Leben in der Zukunft. „Wir beobachten die schulische Entwicklung unserer Schüler*innen deshalb auch sehr genau und unterstützen einen Schulwechsel, wenn dieser Erfolg verspricht“, ergänzt der Schulleiter. Die Berufsschulstufe bereitet gezielt auf das Erwachsenenleben vor: ob im Arbeitsleben, der Partizipation in der Öffentlichkeit oder dem Leben außerhalb der Ursprungsfamilie. Dazu dienen Praxistage, Praktika und Unterrichtseinheiten wie „Wohnen außerhalb der Familie“ oder „Persönliche Zukunftsplanung“.
In den gut ausgestatteten Räumen – mit Werkstatt, Küche, Therapieräumen – entsteht ein Ort, der mehr ist als Schule. „Es geht um Teilhabe. Um Selbstwirksamkeit. Und um Würde“, betont der Schulleiter.
Ein besonderes Konzept sind die Partnerklassen; also Klassen in Regelschulen, die in möglichst hohem Umfang mit Klassen ihres Jahrgangs gemeinsam Unterricht erhalten. Die Kinder lernen gemeinsam – mit angepasstem Curriculum, aber auf Augenhöhe. „Jede Person gehört selbstverständlich dazu und darf so lernen, wie sie kann“ erzählt Lehrerin Maria. Aktuell bestehen Kooperationen mit sechs Schulen im Landkreis. Außerdem unterstützt das Förderzentrum drei Schulen mit Profil Inklusion mit eigenem Fachpersonal.
Ein Tag, der bleibt
Am Nachmittag leert sich das Gelände langsam wieder. Die Kinder werden abgeholt, der Hausmeister winkt zum Abschied, das Team zieht sich zur kurzen Lagebesprechung zurück. Was bleibt, ist ein Gefühl: Hier passiert etwas Wichtiges. Tag für Tag. Schritt für Schritt.
Im Interview mit Regina Maier-Oßner und Björn Zaddach
Was macht das Bildungszentrum für Sie besonders?
Maier-Oßner: Es ist die Vielfalt – an Menschen, an Ideen, an Wegen. Wir begegnen uns hier auf Augenhöhe, egal ob Kind, Jugendlicher, Elternteil oder Kolleg*in.
Zaddach: Für mich ist es die Haltung. Niemand wird hier „angepasst“ – wir schauen, wie wir Strukturen so bauen können, dass alle Platz haben.
Was war für Sie ein besonders schöner Moment?
Zaddach: Als eine Schülerin nach ihrem Praktikum in einer Bäckerei gesagt hat: „Ich bin dort die, die ich bin – nicht die mit der Einschränkung.“ Da wusste ich: Wir machen etwas richtig.
Maier-Oßner: Für mich war es der Moment, als ein Kind zum ersten Mal über Unterstützte Kommunikation via Tablet von seinem Geburtstag erzählt hat. Diese Freude – unbezahlbar.
Worauf sind Sie besonders stolz?
Maier-Oßner: Auf unser Team. Auf die Kreativität, die Vielfalt, die Leidenschaft und das Herz für die Kinder.
Zaddach: Und darauf, dass wir Kindern und Jugendlichen Mut machen – für sich selbst einzustehen.

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