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Von außen wirkt der orange Gebäudekomplex im Norden Moosburgs fast wie jedes andere Wohngebäude. Doch wer durch die Türen tritt, begegnet einer Welt, in der Pflege mehr ist als Hilfe. Sie ist ein Bindeglied – zwischen Betreuung, medizinischer Versorgung und einem Leben in Würde. Hier leben Menschen mit geistiger Behinderung, viele von ihnen bereits seit Jahrzehnten, und sie alle eint ein Wunsch: so selbstständig wie möglich und mit so viel Unterstützung wie nötig zu leben. Und das gelingt – dank eines besonderen Pflegeverständnisses.

Mit Herz, Haltung und Struktur: Pflege bei der Lebenshilfe Freising – ein Blick hinter die Kulissen eines besonderen Versorgungssystems

Alter in der Eingliederungshilfe – Eine neue Herausforderung

„Herbert [Name von der Red. geändert] kommt heute zur Gymnastik!“, ruft eine Betreuerin durch den Flur. Der 62-Jährige strahlt, als er sich langsam mit dem Rollator Richtung Aufenthaltsraum bewegt. Früher sei er viel mit dem Tandemrad unterwegs gewesen, erzählt er, heute falle ihm das Laufen manchmal schwer. Seit einem Oberschenkelhalsbruch ist er auch körperlich auf viel mehr Unterstützung angewiesen – bei der Körperpflege, beim Anziehen, bei der Medikamenteneinnahme.

Das ist kein Einzelfall. Die Menschen, die in den Einrichtungen der Lebenshilfe Freising leben, werden älter – und das mit all den altersbedingten Veränderungen, die auch andere Menschen erleben: körperlicher Abbau, Verlust der Mobilität, Inkontinenz oder beginnende Demenz. Die Herausforderung dabei: Diese Prozesse verlaufen bei Menschen mit geistiger Behinderung häufig schneller und komplexer. Umso wichtiger ist ein professioneller Umgang mit diesen Veränderungen – nicht irgendwo von außen, sondern direkt im Lebensumfeld der Betroffenen. Denn während die Lebenserwartung von Menschen mit beispielsweise Trisomie 21 vor 30 Jahren noch bei Mitte 30 lag, ist diese Zahl heute längst nicht mehr aktuell. Die Medizin hat in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte gemacht.

Pflege als Schnittstelle – Innen wie Außen

Pflege bei der Lebenshilfe Freising ist mehr als eine Dienstleistung. Sie ist ein Teil des pädagogischen Alltags – durchdacht, gut strukturiert und vor allem: menschlich. Diana Flammann, die Pflegekoordinatorin der Lebenshilfe Freising, entwickelt gemeinsam mit den Einrichtungen die Pflegestandards, die dann im internen Qualitätshandbuch festgelegt werden.

„Pflege funktioniert bei uns auf der Basis kollegialen Lernens“, sagt Flammann. Das heißt: Die Mitarbeitenden – viele mit pädagogischer, nicht medizinischer Ausbildung – erhalten gezielte Unterstützung und Fortbildung, um die pflegerischen Aspekte ihres Alltags souverän bewältigen zu können. Es geht darum, zu wissen, was man tun darf – und wann professionelle medizinische Hilfe nötig ist. So legen Lebenshilfe-Mitarbeitende beispielsweise keine Infusionen, kümmern sich aber um die professionelle Organisation derselben.

Pflege zwischen Rollstuhl und Recht auf Teilhabe

Ein zentrales Ziel der Lebenshilfe: Menschen mit Behinderung nicht aus dem gesellschaftlichen Leben herauszunehmen, sondern ihnen darin einen festen Platz zu sichern – auch und gerade dann, wenn pflegerische Unterstützung notwendig wird. Pflege und Teilhabe sind hier keine Gegensätze, sondern bedingen einander.

So auch bei Amira [Name von der Red. geändert], 56 Jahre alt, mit geistiger Behinderung und beginnender Demenz. In ihrer gewohnten Umgebung fühlt sie sich sicher. Als sie wegen gesundheitlicher Beschwerden ins Klinikum Freising eingeliefert und operiert werden musste, war das für sie eine enorme Belastung. Doch durch eine enge Vorarbeit und Schaffung notwendiger Strukturen zwischen Pflegekoordination und der Leitung Wohnen, vertreten durch Franz Kratzer, dem Sozialdienst und der Pflegeleitung im Klinikum konnte sie gezielt begleitet werden – mit bekannten Gesichtern und vom jeweiligen Wohnhaus begleiteten Abläufen. Ergebnis: Der Krankenhausaufenthalt verlief reibungslos, die Rückkehr in die Wohngruppe ebenfalls. „Wir strukturieren und gestalten die Wege so, dass unsere Klient*innen dieselbe professionelle Versorgung erhalten wie andere Menschen auch“, erklärt Flammann. Dazu gehört auch der enge Kontakt zu externen Partnern – Wundmanager*innen, Hausärzt*innen, Kliniken – sowie die Mitarbeit in Netzwerken wie der „Gesundheitsregion Plus“ des Landkreises Freising.

Fachlichkeit und Nähe – kein Widerspruch

Pflege in der Lebenshilfe ist nah, individuell und dennoch fachlich fundiert. Ob richtige Mundpflege, der Umgang mit chronischen Wunden oder das Wissen, welche Leistungen den Klient*innen zustehen – all das ist Teil des pflegerischen Alltags. Dabei kommt es oft auf Kleinigkeiten an: Wer darf Medikamente stellen? Was ist bei der Einstufung in einen Pflegegrad zu beachten? Welche Assistenz braucht es für eine MRT-Untersuchung? Hier greift das Netzwerk – intern wie extern. „Unsere Aufgabe ist es, die passenden Unterstützungsangebote aus den verschiedenen Versorgungssystemen zusammenzuführen“, sagt Flammann. Oft sind es dabei nicht die großen, spektakulären Maßnahmen, die den Unterschied machen, sondern die kleinen, gut abgestimmten Schritte im Alltag – kontinuierlich und mit Blick auf das, was der einzelne Mensch gerade braucht. Gerade im Alter, wenn zur kognitiven Beeinträchtigung zunehmend auch körperliche Einschränkungen hinzukommen, wird Pflege zu einem wesentlichen Faktor für Lebensqualität.

An-/ Zugehörige und gesetzliche Betreuer*innen im Fokus

Auch für An-/Zugehörige und gesetzliche Betreuer*innen ist Pflege oft ein herausforderndes Thema. Was tun, wenn erste Anzeichen von Demenz auftreten? Wie einen Pflegegrad beantragen? Welche rechtlichen Aspekte wie Vorsorgevollmachten sind zu bedenken? Antworten darauf gibt es im Rahmen von Informationsveranstaltungen, zum Beispiel bei der Demenzwoche des Landkreises Freising. Gemeinsam mit der Offenen Behindertenarbeit (OBA) und dem Betreuungsverein bietet die Lebenshilfe hier Austausch, Beratung und Begleitung für An-/Zugehörige von Menschen mit geistiger Behinderung. Denn Pflege betrifft nicht nur den Einzelnen – sondern das gesamte Umfeld.

„Pflege ist bei uns keine Dienstleistung – sie ist Beziehung“

Interview mit Diana Flammann, Pflegekoordinatorin bei der Lebenshilfe Freising

Frau Flammann, warum braucht es eine Pflegekoordinatorin bei der Lebenshilfe?

Weil Pflege in der Eingliederungshilfe ein wachsendes Thema ist. Unsere Klient*innen werden älter – und mit dem Alter steigen die körperlichen Einschränkungen. Das bedeutet: Wir müssen Pflege nicht nur leisten, sondern strukturieren und in unser pädagogisches Konzept einbetten. Dafür braucht es Koordination, Fachlichkeit und vor allem ein gutes Netzwerk.

Was unterscheidet Ihre Arbeit von klassischer Alten- oder Krankenpflege?

Unsere Pflege ist eingebettet in Beziehung. Wir kennen die Menschen seit vielen Jahren, manchmal seit Jahrzehnten. Sie haben andere Bedürfnisse und Bedarfe, andere Ängste, manchmal auch andere Ausdrucksformen. Deshalb geht es nicht nur um fachliche Versorgung, sondern auch um Sicherheit, Kontinuität und das Gefühl: Ich bin gesehen.

Wie gelingt die Zusammenarbeit mit externen Partnern wie dem Klinikum Freising?

Sehr gut – aber nur, weil wir kontinuierlich daran arbeiten. Wir haben mit dem Klinikum beispielsweise Abläufe bei Notfalleinweisungen oder Entlassungen abgestimmt. Wichtig ist, dass wir im Austausch bleiben: Was braucht ihr von uns? Was brauchen wir von euch? Nur so können wir unnötige Belastungen vermeiden und eine gute Versorgung sicherstellen.

Gibt es ein Erlebnis, das Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Ja, Amira, von der vorhin die Rede war. Ihre Krankenhausangst war groß. Aber mit guter Vorbereitung, einer bekannten Begleitperson und dem Verständnis der Klinik konnte die Behandlung in der Klinik reibungslos durchgeführt werden. Für mich ist das ein Beispiel dafür, wie Pflege, Teilhabe und Zusammenarbeit gelingen können.

Ihr Wunsch für die Zukunft?

Mehr Sichtbarkeit für die Pflege in der Eingliederungshilfe. Sie ist kein Randthema, sondern zentral für Lebensqualität. Und sie verdient denselben Respekt und dieselbe Anerkennung wie jede andere Form professioneller Pflege.

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