Von Beratung bis Begleitung, von Kommunikation bis Kultur: Wie die Offenen Hilfen Menschen mit Behinderung in ein selbstbestimmtes Leben mitten in der Gesellschaft begleiten
Alltag meistern mit Unterstützung
Ein Brief vom Amt, ein Antrag für die Pflegekasse, die Frage nach dem richtigen Schulweg für ein Kind mit Förderbedarf – viele Familien, Angehörige und Betroffene stehen plötzlich vor Herausforderungen, die allein kaum zu bewältigen sind. „Wir erleben oft, dass Menschen zu uns kommen, wenn sie gar nicht mehr weiter wissen. Dann versuchen wir, Schritt für Schritt Struktur reinzubringen – und vor allem auch Mut zu machen“, erzählt Nadja Strahberger aus dem Beratungsteam der Lebenshilfe Freising.
Die Beratung umfasst rechtliche und soziale Fragen ebenso wie Informationen zu finanziellen Hilfen. Themen wie der Schwerbehindertenausweis, Kindergeld oder Erbregelungen sind Alltag für die Berater*innen. Für die Ratsuchenden sind es oft emotionale Themen, bei denen Vertrauen entscheidend ist. So wie bei Familie Mertens, deren Sohn kurz vor dem Auszug steht – offen war noch, in welcher Wohnform er denn leben möchte: alleine, in einer Wohngemeinschaft oder doch ganz anders. „Frau Deml hat den Prozess begleitet und konnte meinen Sohn bei der Entscheidungsfindung durch die persönliche Zukunftsplanung sehr gut unterstützen“, berichtet die Mutter.
Aber auch durch den Familienunterstützenden Dienst sowie durch verschiede Formen der Assistenz, wie Freizeitassistenz oder Schulbegleitung, bauen die Offenen Hilfen Barrieren ab und ermöglichen individuelle Unterstützung.
Offene Hilfen und Vernetzung im Sozialraum
Die Offenen Hilfen verstehen sich nicht als Insel, sondern als Teil eines Netzwerks im Freisinger Sozialraum. „Unsere Angebote sind ambulant, niedrigschwellig und lebensnah. Aber entscheidend ist, dass wir auch Strukturen schaffen, die bleiben“, erklärt Saskia Bichlmeier, die die Offenen Hilfen leitet. Das heißt: Austausch mit Schulen und Horten, Kooperationen mit Sportvereinen und Kirchengemeinden, gemeinsame Projekte mit Senioren- oder Jugendzentren. „Wenn Inklusion im Alltag gelingen soll, dann müssen Menschen sich begegnen. Und zwar nicht in Sonderwelten, sondern dort, wo Leben passiert“, so Bichlmeier.
Ein gelungenes Beispiel: Die Judokas des Judoclubs Freising sind in Kooperation mit der Lebenshilfe ins Leben gerufen worden. Ehrenamtstrainerin Monika Schicho sagt: „Ich bin begeistert, was über die Jahre entstanden ist. Dieses Jahr sind wir sogar bei den Special Olympics in Erlangen und kämpfen um Medaillen. Ich freu mich aber auch auf jedes Training. Ich habe noch nie so ehrlichen Teamgeist erlebt.“
Freizeit, Bildung, Reisen – die Offene Behindertenarbeit (OBA)
Abschalten, lachen, Neues erleben – Freizeit ist mehr als nur Zeitvertreib. Für viele Menschen mit Behinderung ist sie auch der Schlüssel zu Selbstbewusstsein und Lebensfreude. Die OBA organisiert ein breites Freizeit- und Urlaubsprogramm: Kino, Konzerte, Stammtische, Bastelabende oder Ausflüge ins Grüne. Aber auch Bildung kommt nicht zu kurz: „Unsere Kurse vermitteln oft lebenspraktisches Wissen – wie koche ich selbst, wie nutze ich das Internet oder wie sage ich höflich Nein?“, erzählt Antonia Wildgruber, pädagogische Mitarbeiterin.
Und dann sind da noch die Reisen: Wochenenden in den Bergen, Städtereisen, Strandurlaube – immer begleitet und individuell angepasst. Die 23-jährige Anna, die mit kognitiven Einschränkungen lebt, war dieses Jahr zum ersten Mal in Italien: „Ich habe Pizza gegessen, war im Meer und hab Freundinnen gefunden. Ich war so frei wie noch nie.“
Sprache finden: Unterstützte Kommunikation (UK)
Was tun, wenn Worte fehlen? Der Fachdienst für Unterstützte Kommunikation hilft Menschen, die sich aufgrund von Beeinträchtigungen nicht oder kaum lautsprachlich äußern können, neue Wege zur Verständigung zu finden. „Kommunikation ist ein Menschenrecht“, sagt Leiterin Sintje Reicheneder. „Und wir helfen, dieses Recht mit Leben zu füllen – mit Gebärden, Symboltafeln oder modernen Sprachcomputern.“
Ein berührendes Beispiel: Der 10-jährige Emil konnte bislang nur mit starken Gefühlen reagieren. Nach Monaten der Arbeit mit Symbolkarten kann er jetzt zeigen, ob er spielen, trinken oder kuscheln möchte. „Das hat unsere ganze Familie verändert“, sagt Emils Vater. „Plötzlich wissen wir, was er will. Wir erleben ihn als Persönlichkeit.“
Rechtliche Betreuung mit Haltung
Auch Beratungen zum Thema „Rechtliche Betreuung“ gehören zum Spektrum der Offenen Hilfen.
Die Lebenshilfe Freising ist Träger eines Betreuungsvereins. Eine rechtliche Betreuung ist eine gesetzliche Vertretung, die erwachsene Menschen unterstützt, die aufgrund von Krankheit oder Behinderung ihre Angelegenheiten nicht mehr eigenständig regeln können. Ein Betreuer übernimmt dabei zum Beispiel Aufgaben wie die Regelung finanzieller Angelegenheiten und die Vertretung vor Behörden. Ziel ist es, die Lebensqualität der Betroffenen zu sichern und ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Die Betreuung erfolgt immer im Sinne des zu betreuenden Menschen und wird vom Gericht angeordnet.
Zusätzlich informiert der Betreuungsverein zu den Themen Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung und Betreuungsverfügung. Ehrenamtliche Betreuer*innen erhalten Unterstützung, indem sie sich beim Betreuungsverein kostenfrei beraten lassen können.
Engagement mit Wirkung: Das Ehrenamt
Ohne Ehrenamt – kein offenes Angebot. „Unsere Ehrenamtlichen machen das Leben bunt“, sagt Bichlmeier. Über 80 Helfer*innen engagieren sich bei der Lebenshilfe Freising: als Reisebegleiter*innen, Freizeitassistent*innen, Bastelbetreuer*innen, Köch*innen oder Gesprächspartner*innen.
Irmi kocht alle zwei Wochen gemeinsam mit Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung aus geretteten Lebensmitteln ein vegetarisches Mittagessen. „Gemeinsam mit Nachbarn und Freunden essen wir dieses im Anschluss in der Finklusion. Ich bekomme so viel Herzlichkeit zurück – das ist das Schönste an meinem Ehrenamt.“
Jede*r Ehrenamtliche startet mit einem persönlichen Gespräch, erhält Schulungen und wird eng begleitet. Für viele Tätigkeiten gibt es Aufwandsentschädigungen. Besonders geschätzt wird die persönliche Atmosphäre: „Man ist hier nicht nur Helfer*in – man ist Teil einer Gemeinschaft“, sagt der 26-jährige Thomas, der einen jungen Mann mit Autismus im Alltag begleitet.
Interview mit Saskia Bichlmeier, Fachbereichskoordinatorin der Offenen Hilfen
Frau Bichlmeier, was ist das Herzstück Ihrer Arbeit?
Es sind die Begegnungen – jede Geschichte, jeder Mensch ist einzigartig. Und unsere Aufgabe ist es, Rahmen zu schaffen, in denen diese Vielfalt leben darf.“
Was hat sich in den letzten Jahren verändert?
Die Anforderungen sind komplexer geworden, aber auch das Bewusstsein für Inklusion wächst. Es bewegt sich was – im Denken der Gesellschaft, in der Politik, im Sozialraum. Das ist gut und wichtig.
Und was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Mehr mutige Menschen, die sich auf Neues einlassen – als Ehrenamtliche, als Netzwerkpartner*innen oder einfach als Nachbar*innen, die offen sind für andere Lebensrealitäten.
Kontakt & Informationen
Saskia Bichlmeier
Leitung Offene Hilfe
Tel.: 08161 / 547 46-25
Mail: saskia.bichlmeier@lebenshilfe-fs.de
Homepage: www.lebenshilfe-fs.de

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