„Es gibt sie, die Lebenshilfe Familie“, eröffnete Vorstandsvorsitzender Robert Wäger den Sommerabend in der Aula des Bildungszentrums Gartenstraße. Er erinnerte daran, dass die Lebenshilfe vor 58 Jahren von Eltern gegründet wurde und bis heute von diesem Gedanken lebt. „Wir wollen nicht in Rente gehen“, sagte er mit Blick auf die Verantwortung, die die Lebenshilfe auch künftig übernehmen will. Dabei gehe es nicht nur um die Unterstützung von Menschen mit Unterstützungsbedarf, sondern auch darum, die eigene Rolle immer wieder zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.
Musik verbindet von Beginn an
Für den musikalischen Rahmen sorgten Tom Appel und Häns Czernik, die seit 13 Jahren gemeinsam akustische Singer Songwriter Musik machen. Mit dem hoffnungsvollen Titel „I Won't Let the Sun Go Down on Me“ eröffneten sie den Abend. Zum ersten Mal bei einem Sommerempfang der Lebenshilfe sang das Publikum begeistert mit und setzte damit gleich zu Beginn ein sichtbares Zeichen für Gemeinschaft.
Vielfalt braucht eine starke Stimme
Freisings zweiter Bürgermeister Nico Heitz überbrachte die Grüße der Oberbürgermeisterin Monika Schwind und dankte der Lebenshilfe für ihre tägliche Arbeit. Er machte deutlich, dass Teilhabe, Wertschätzung und Sichtbarkeit heute keine Selbstverständlichkeit mehr seien.
„Wir leben in einer Zeit, in der es Menschen nicht immer gut meinen mit der Teilhabe und der Vielfalt“, sagte Heitz. Gerade soziale Medien machten es leicht, ausgrenzende Botschaften zu verbreiten. Umso wichtiger sei es, Vielfalt sichtbar zu machen und ihr eine starke Stimme entgegenzusetzen. Er würdigte ausdrücklich die Social-Media-Kampagne „Teilhabe ist Menschenrecht“ der Lebenshilfe und bedankte sich für das große ehrenamtliche Engagement. Die Botschaft der Vielfalt müsse heute lauter kommuniziert werden als je zuvor.
Mit dem Lied „You've Got a Friend“ griffen Tom Appel und Häns Czernik diese Botschaft anschließend musikalisch auf.
Die Lebenshilfe als Wegbegleiterin
Im Mittelpunkt des Abends stand ein Podiumsgespräch unter der Moderation von Lebenshilfe-Geschäftsführer Johannes Reicheneder. Gemeinsam diskutierten Monika Haslberger (2. Vorsitzende der Lebenshilfe Freising und stellvertretende Vorsitzende der Lebenshilfe Bayern), Katharina Winter (im Verein RETT Syndrom Deutschlang engagiert), Nina Teubner (Vorständin der Lebenshilfe Freising), Manuela Mühlhammer (Vorständin der Lebenshilfe Freising sowie Selbstvertreterin) und Dr. Jürgen Auer (Landesgeschäftsführer der Lebenshilfe Bayern) über die Rolle der Lebenshilfe zwischen ihrer Herkunft als Elternbewegung und ihrer Zukunft als moderne Interessenvertretung.
Winter schilderte eindrucksvoll den Moment, als ihre Tochter die Diagnose Rett Syndrom erhielt. Die medizinischen Informationen seien zunächst sehr abstrakt gewesen. Besonders geholfen habe ihr der Austausch mit anderen Eltern über soziale Medien. Auch die Frühförderstelle der Lebenshilfe Freising habe ihrer Familie ein Stück Verantwortung abgenommen und ihr ermöglicht, zwischendurch durchzuatmen. Gleichzeitig machte sie deutlich, dass die gesamte Gesellschaft inklusiver werden müsse.
Haslberger beschrieb die Lebenshilfe als den Ort, an dem sie gespürt habe: „Ich bin nicht alleine.“ Ein Kind mit Behinderung sei für sie kein Schicksalsschlag, sondern eine Herausforderung. Besonders bewegend schilderte sie den Balanceakt zwischen Fürsorge und Loslassen. Viele Fähigkeiten ihrer Tochter habe sie erst erkannt, als sie ihr mehr zugetraut habe.
Eltern, Fachkräfte und Selbstvertretung gemeinsam gestalten
Teubner erinnerte daran, dass die Lebenshilfe aus einer Elterninitiative entstanden sei. Heute stelle sich die Frage, wie diese Werte erhalten und weitergetragen werden können. „Wir müssen lauter werden als vielleicht noch vor zehn Jahren“, sagte sie. Jeder habe seinen Auftrag in der Gesellschaft und könne dazu beitragen, die Werte der Lebenshilfe weiterzutragen.
Auer betonte, dass die Lebenshilfe immer dann stark sei, wenn Menschen miteinander statt übereinander sprechen. „Die, die es angeht, sollen darüber reden“, machte er deutlich. Fachkräfte, Eltern und Selbstvertreter*innen müssten gemeinsam Lösungen entwickeln. Gleichzeitig warb er dafür, moderne Kommunikationswege stärker zu nutzen, um die Akzeptanz von Vielfalt weiter zu erhöhen.
Auch Mühlhammer brachte die Perspektive der Selbstvertretung ein. Sie berichtete, wie wichtig Unterstützung für ein selbstbestimmtes Leben sei und bezeichnete die Lebenshilfe als ihre „Familienergänzung“. Gleichzeitig machte sie deutlich, dass professionelle Begleitung Eltern entlasten könne, ohne ihre Bedeutung zu schmälern.
Nachdenklich wurde die Diskussion beim Begriff „Betroffenheit“. Winter stellte klar: „Betroffen ist nur die Person, die die Behinderung hat.“ Wichtig sei jedoch, dass sich Menschen kümmern. Auer schlug stattdessen den Begriff „treffen“ vor. Die Lebenshilfe sei ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen und gemeinsam Verantwortung übernehmen.
Gemeinsam Verantwortung für die Zukunft übernehmen
Im Verlauf des Podiumsgesprächs wurde deutlich, dass die Grundidee der Lebenshilfe auch nach fast sechs Jahrzehnten nichts von ihrer Aktualität verloren hat. Die Lebenshilfe versteht sich weiterhin als Elternvereinigung, entwickelt sich aber zugleich immer stärker hin zu einer Gemeinschaft aus Eltern, Angehörigen, Selbstvertreter*innen sowie Fachkräften, die gemeinsam Verantwortung übernehmen. Einigkeit bestand darin, dass Entscheidungen nicht über, sondern gemeinsam mit Menschen mit Unterstützungsbedarf getroffen werden müssen.
Ebenso wurde die Bedeutung früher und niedrigschwelliger Unterstützung hervorgehoben. Gerade die Frühförderung und die Angebote der Offenen Hilfen schaffen wichtige Voraussetzungen dafür, Familien zu entlasten und Kindern von Anfang an gute Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen. Gleichzeitig braucht es gegenseitiges Vertrauen zwischen Eltern und Fachkräften, auch wenn unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen. Beide Seiten verfolgen dasselbe Ziel: Menschen mit Unterstützungsbedarf bestmöglich auf ihrem Weg zu begleiten.
Auch der Blick in die Zukunft war von klaren Botschaften geprägt. Die Podiumsgäste waren sich einig, dass Eltern und Angehörige weiterhin eine wichtige politische Stimme bleiben müssen. Gleichzeitig sollen Selbstvertreter*innen künftig noch stärker Verantwortung übernehmen und ihre Interessen selbst vertreten. Voraussetzung dafür ist eine Gesellschaft, die Vielfalt nicht nur akzeptiert, sondern aktiv fördert und Teilhabe als selbstverständlichen Bestandteil des Zusammenlebens versteht.
Zum Abschluss vervollständigten alle Podiumsgäste den Satz: „Die Lebenshilfe bleibt für mich ein besonderer Ort, weil …“. Die Antworten waren unterschiedlich und führten doch zu derselben Botschaft: Die Lebenshilfe ist ein Ort, an dem Menschen füreinander Verantwortung übernehmen, sich gegenseitig stärken und gemeinsam Lösungen finden. Sie bleibt notwendig. Und für viele Menschen ist sie längst zu einem Stück Zuhause geworden.
Ein Auftrag, der bleibt
Mit den Liedern „Here Comes the Sun“ und „Every Little Thing She Does Is Magic“ endete der musikalische Teil des Abends, bevor Wäger den Blick noch einmal auf die gesellschaftliche Verantwortung richtete. Er sprach darüber, dass viele Menschen den Begriff „Behinderung“ als einschränkend empfinden und die Lebenshilfe deshalb zunehmend von „Menschen mit Unterstützungsbedarf“ oder „Menschen mit Unterstützungsbedarf und kognitiver Beeinträchtigung“ spricht.
Zum Abschluss erinnerte Wäger daran, dass die Lebenshilfe heute viele Aufgaben übernimmt, die eigentlich in der Verantwortung der Gesellschaft und der Politik lägen. Gerade deshalb brauche es weiterhin eine starke Lebenshilfe, die sich für die Interessen von Menschen mit Unterstützungsbedarf und ihren Familien einsetzt.
Der Sommerempfang machte deutlich, dass die Lebenshilfe Freising ihre Wurzeln nicht nur bewahrt, sondern sie als Grundlage für ihre weitere Entwicklung versteht. Ihr Auftrag ist derselbe geblieben wie vor fast sechs Jahrzehnten: Menschen mit Unterstützungsbedarf und ihre Familien zu begleiten, ihre Interessen zu vertreten und sich gemeinsam mit ihnen für eine Gesellschaft einzusetzen, in der Teilhabe selbstverständlich ist.
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